29.Mr. 2015

Oleg Jurjew: Gedichte

Aus dem Russischen von Daniel Jurjew

<p>Oleg Jurjew (2011)</p>

Oleg Jurjew (2011)

<p>Daniel Jurjew (2014)</p>

Daniel Jurjew (2014)

NACH LISSABON ZURÜCKGEKEHRT ULISSES

I

Aufgegangen über der Kante
Der Welt sind Wolken, blutig-blau,
Und Sterne, noch blass,
Mit schrägem Oberlippenflaum,

Sind über'm geschichteten Abgrund
Tauchen gegangen und sich doppeln,
Und auf des tränenlosen Dunkels Arme
Hat sein Gewand der Wind herabgeworfen,

Als nun der Frischlingsmond dem Festzug
Geheftet hat sich auf die Fersen,
Ist auf dem Boden des verbrannten Tejo
Nach Lissabon zurückgekehrt Ulisses –

II

Wein kaut er, nagt an Krebsen,
Schaut in die Irrlichter der Nacht,
Schatten treten ohne Brillen
Heraus zum Fluss, vor die Kirchen,

Doch hört er nicht die Stille,
Die trieft vor weltlicher Trauer,
An Satans schwarzen Fingern
Saugt er, saugt sich Meersalz,

Und immer mehr wird in Lila getaucht
Das Wasser unter rötlich-taubengrauer Welle ...
Nun denn, er ist nicht dorthin, von wo
Er einst in See stach, zurückgekehrt.

WAGNER IN JERUSALEM

Scharfe Klauen hat der tumbe Richard Wagner
In der flammenden Wiege über der Gehenna:
Der süße Qualm verbrannten Abfalls
Räuchert die gierigen Nüstern,
Der Lärm, durcheinandergebracht, das Rauschen,
Geglättet von tönendem Augenblick der Stille,
Plumpst wie ein Vogel in den Schlund.

Überm Davidstor flog der leise Wagner,
Überm Herodestor lachte er polternd
Mit dem wilden Gogol, brodelte, ein Klebeschatten,
Im gelblichten Zwielicht überm Jaffator,
Und gleitete überm Neuen, dem außer der Reihe
Gebauten, mit grauem Kaiser deutscher Lande.

Überm Damaskustor verbog er sich
In Wendemanövern, und beim Löwentor
Stieg er plötzlich in den Dampf unter'm Mond
Empor, gleich einer Kornweihe.

Überm Goldenen, dem versiegelten,
Flog er hin, den Blick vernebelnd,
Überm Misttor bog er ab, und ab
Nach Hause, zum brennenden Abfall,
Zur tönenden Kriegesstille über der unsichtbaren
Gehenna.

... So kreist er schon ein Jahrhundert gut –
Links wie rechts, wohin man schaut, ein Jud.

ELEGIE AUF DEN TOD DER STILLE

Ich habe vergessen die Stille – in welcher
Sprache, sagt ihr, hat sie gesprochen?
Hielt sie russische Rosen fest in der Hand,
Rührte deutschen Quark sie an?

Ließen flinke Finger wandern die jüdische Klinge,
Die gleicht des Generals vom Dienst Ärmelpatte?
Sie war, sagt ihr, der Spiegel Rede,
Sie lag, sagt ihr, im Sterben?

Wie ich so zum geneigten Fluss aus dem Hause heraustrat
Und strömte in Richtung des Lichts,
Wurde sie in der Dunkelheit schwächer und schwächer, die Stille,
Ganz umhüllt von des Sommers leuchtendem Netz.

Auf einem Insekt, einem grünen, bin ich ins Feuer geritten,
Nach der Zähmung der hornbewehrten Schnauze ...

Die Dunkelheit hab ich vergessen – in welcher
Sprache, sagt ihr, hat sie gesprochen?

PÄAN AN DEN NAUTILUS

Es gibt ein nicht allzu großes Meerestier, das Nautilus genannt wird, oder Schiffsförmling, welcher bei gutem Wetter an die Wasseroberfläche emporsteigt, aus seinem Rücken eine gewisse Art von natürlichem Segel herauszieht und mit dem Wind gleichsam über das Wasser fährt.

S. S. Bobrow, Anmerkung des Autors zum Gdt. „Chersonide, oder Bild des besten Sommertages im Taurischen Chersonis“ (1798, 1804)

Die Fische sangen und weinten jammervoll,
Und zogen heraus die kurzen Flügel.
Oben schnitten gereihte Mittagsschatten
Die Spiegel der Meere in Streifen.

Fischlein ihr mit dicken Lippen,
Nur weint nicht, singet nicht!
Der Wolken angeschmolz'ne Würfel
Schlafen, wie der Regenbogen im Wasserschlauch.

Fischlein ihr mit kurzen Flügeln,
Nur singt nicht, weinet nicht!
Der Wolken zugespuckte Hängewangen
Kriechen über den krächzenden Mast.

Schwimm herauf, Nautilus Nemo-Schiffchen,
Fahre aus das Fleischsegel aus dem Körper,
Würde auch der Fisch dies lernen,
Explodierten, fielen auseinander Meere.

EPITAPH

Rabe und Feuer und Wind über'm Fluss,
Und der Sterne kalte Schar, und staubiger Mond,
Und du Schöne, der Tränen strömen aus der Hand,
Weint nicht um mich, vergesst die Namen.
In freudlosen Tagen verwilderter Rede
Versuchte ich den Blasebalg, den löchrigen, zu füllen,
Und durch das Zischen und Knacken schrie mir manchmal zu
Des Verses obdachlose Pflanze.

Weder der Rabe im Winde, noch die Stadt hinter'm Zaun,
Noch der salz'gen Schlicke Wels, noch der Pappeln Traum,
Noch der Donner, der poltert hinter der graublaubergigen Wolke,
Noch die goldne Tram auf der schiefen Brücke
Werden eindringen in die Blase, die voller Schweigen ist
Und kaum vernehmlich seufzt, wie ein Schwärmer auf der Hand,
Mit einem kleinen Grab, in fremdem Lande ausgehoben,
Und einem Stein in nicht-russischer Sprache.


© Oleg und Daniel Jurjew 2014