Ulf Stolterfoht

Dieser in Berlin lebende Dichter ist einer besonderen Population aus dem Schwäbischen zuzurechnen: den enorm vielseitigen und enorm unorthodoxen und enorm renitenten Menschen aus dem Stuttgarter Stadtteil Heslach. In seinem Gedichtbuch „holzrauch über heslach"(2007) hatte Ulf Stolterfoht (Jahrgang 1963) die Heslacher als eigenwillige Spezies einer antibürgerlichen Subkultur mit ausgefallenen nonkonformistischen Ritualen vorgestellt. Der junge Heslacher, so lesen wir in diesem Gedichtbuch, nährte sich offenbar von revolutionären Schriften anarchosyndikalistischen Ursprungs. Darüber hinaus auch von Free Jazz, Stechäpfeln, Tollkirschen und anderen bewusstseinserweiternden Substanzen – und nicht zuletzt von Weizenbier und experimenteller Lyrik. Ulf Stolterfohts langes „ethnologisches Gedicht" über die Heslacher und ihr spezielles Rotwelsch-Idiom, das Manische, ist weit mehr als eine poetische Liebeserklärung an seine Kindheitslandschaft. Es ist die hinreißende Inszenierung einer ästhetischen Utopie – nämlich des trotzigen Glaubens an eine Poetik des Widerstands, die sich im freien, anti-semantischen Sprechen realisiert.
Nun hat Stolterfoht seine bislang in drei Gedichtbänden (von 1998 bis 2004) vorliegende „Fachsprachen"-Forschung mit den „fachsprachen XXVIII–XXXVI" fortgesetzt. Auch diesmal geht es primär darum, durch kleine semantische Wendungen und Verschiebungen die Sprache zu entfunktionalisieren und vorwiegend als selbstreferenzielles Reflexionssystem zu nutzen. (Michael Braun)
Für seine Übersetzung von „Winning his Way – wie man seine art gewinnt" von Gertrude Stein erhält Ulf Stolterfoht gemeinsam mit Barbara Köhler den „Erlanger Literaturpreis für Poesie als Übersetzung" 2009.
In der Erlanger Übersetzerwerkstatt berichtet Ulf Stolterfoht in diesem Jahr jedoch von dem Experiment einer deutsch-deutschen Übersetzung und neuen Erkenntnissen über das Handwerk des Dichtens und Übersetzens. Wo immer Dichter andere Dichter übersetzen, steht nicht die philologische Erschließung, sondern die Nachdichtung in der neuen Sprache im Vordergrund. Die poetische Reflexion über das Verstehen und Nicht-Verstehen in ein und derselben Sprache provoziert Fragen, die sich nicht wesentlich von den Fragen unterscheiden, mit denen ein Übersetzer aus einer Fremdsprache täglich konfrontiert ist. Im Unterschied zur interlingualen Übersetzung findet beim deutsch-deutschen Übersetzen eine Art von Rückkoppelung statt. Der Prozess verläuft dynamisch in zwei Richtungen: Stolterfoht übersetzt Waterhouse – Waterhouse übersetzt Stolterfoht. Mit den Antworten verändern sich auch die Fragen an das Gedicht und seine Übersetzung. (A. LS.)

Teilnahme in den Jahren: 2004, 2009
Übersetzte Sprachen: Englisch
Übersetzte Autoren: Gertrude Stein, Jeremy Halvard Prynne
Jurymitglied in den Jahren: 2011, 2013
Preisträger: 2009

Auszeichnungen u.a.: Preisträger beim open mike der Literaturwerkstatt Berlin (1994), Förderpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft, Erich-Nossack-Förderpreis (2000), Christine-Lavant-Lyrik-Preis (2001), Heimrad-Bäcker-Förderpreis (2004), Anna-Seghers-Preis (2005), Alfred-Gruber-Preis beim Lyrikpreis Meran (2006), Stipendium der Villa Massimo Rom (2007), Peter-Huchel-Preis (2008), Erlanger Literaturpreis für Poesie als Übersetzung (2009).