Alexander Nitzberg

Der Historiker Golo Mann hat einst durchaus glaubhaft von sich behauptet, er könne 200 Gedichte auswendig aufsagen. Der in Wien lebende Dichter und Übersetzer Alexander Nitzberg kann sich mit Manns fantastischer Memorierungs-Kunst durchaus messen. Auf der Frankfurter Buchmesse konnte man vor einigen Jahren beobachten, wie Nitzberg auf einen Tisch stieg, um den legendären Avantgardisten Wladimir Majakowski frei zu rezitieren. Unter den bedeutenden Literaturübersetzern aus dem Russischen ist Nitzberg seit je der engagierteste und auch streitbarste. Mittlerweile hat er über 1.000 Gedichte aus dem Russischen und dem Englischen übersetzt, von denen er viele mühelos aus dem Gedächtnis vorzutragen weiß. Der 1969 geborene Nitzberg ist Abkömmling einer russischen Künstlerfamilie und hat seine immensen Kenntnisse der russischen Moderne für seinen eigenen Umgang mit den Kunstmitteln von Reim und Metrum fruchtbar gemacht. Auch das Zirzensische, das er zudem in leichthändig vorgeführten Seiltricks zu demonstrieren weiß, hat Nitzberg aus der Familien-Tradition in seine poetisch instrumentierte Sprachlust hinübergerettet. Diese poetische Kunstfertigkeit hat bereits vor 15 Jahren der große Peter Rühmkorf erkannt und den jungen Nitzberg als „Musenjüngling, der einfach zu gut ist“ qualifiziert und ihn zudem als „Rastelli der Reimkunst“ geadelt. In seinem neuen Gedichtband „Farbenklavier“ führt Nitzberg nun vor, was ein Artist der Reimkunst zu leisten vermag. Kaum hat man den Band aufgeschlagen, weht einem schon der Sound des „Artistenmetaphysikers“ Gottfried Benn entgegen, gewürzt mit den temperamentvollen Volksliedstrophen Heinrich Heines. Wie sehr Nitzbergs „Farbenklavier“ auf der poetischen Orchestrierung musikalischer Strukturen beruht, zeigt sich in der Einteilung der Kapitel nach „Préludes“ und „Sonaten“, wobei der russische Komponist Alexander Skrjabin offenbar als „heimlicher Einflüsterer“ fungiert hat. (M. B.) Nach der viel beachteten deutschen Daniil-Charms-Edition (vorgestellt in der Siebten Erlanger Übersetzerwerkstatt 2010) legt Alexander Nitzberg nun ein weiteres „Meister“-Werk vor: seine Neuübersetzung von Michail Bulgakows „Meister und Margarita“. Wie eine poetische Flaschenpost tauchte Bulgakows Roman, 26 Jahre nach dem Tod des Autors, in der Sowjetunion auf. Heimlich wurden Abschriften der von der Zensur gestrichenen Stellen als Samisdat verbreitet. Radikal modern übersetzt Nitzberg die aberwitzige Satire. „Bravo! Nitzberg! Zuu-gaa-bee! Ist man versucht, ihm zuzurufen.“ (Norbert Wehr) Rechtzeitig zur Erlanger Übersetzerwerkstatt erscheint Nitzbergs Neuübersetzung mit einem Nachwort von Felicitas Hoppe. (A. LS.)

Teilnahme in den Jahren: 2010, 2012
Bearbeitete Themen: Gedichte, Roman
Übersetzte Sprachen: Englisch, Russisch
Übersetzte Autoren: Alexander Puschkin, Anna Achmatowa, Daniil Charms, David Burliuk, Edmund Spenser, Jelena Schwarz, Marina Zwetajewa, Michail Senkewitsch, Nikolaj Gumiljow, Viktor Hofmann, Wladimir Majakowski

Auszeichnungen u. a.: Düsseldorfer Lyrikpreis (1996), Förderpreis für Literatur der Landeshauptstadt Düsseldorf, Förderpreis des Landes NRW für Literatur (1998), Förderpreis zum Joachim-Ringelnatz-Preis (2002), Förderpreis zum Hugo-Ball-Preis (2008), Fellowship-Stipendium der Stiftung Insel Hombroich (2009), Ernst Jandl-Dozentur für Poetik (2010).