Jan Koneffke

Dass Jan Koneffke von seinen eigenen Vorfahren berichtet, verrät er im letzten Kapitel des Romans. Der Leser muss nicht glauben, was er liest, und Jan Koneffke behauptet nicht, dass die Geschichte der Kannenmachers, die der Zweite Weltkrieg aus dem pommerschen Ostseestädtchen Freiwalde als Flüchtlinge in den Westen trieb, eine in allen Teilen wahre Geschichte ist. „Ich werde“, schreibt der Autor, „das Leben erfinden.“ Warum? „Ich kann schlecht einschlafen, mit Geschichten im Kopf geht das angeblich besser“.
Drei Generationen der Kannenmachers stehen im Mittelpunkt. Die Männer sind Lehrer und Buchhalter. Den Frauen ist ein gradliniges Leben verwehrt. Urgroßmutter verliert den geliebten Sohn im Ersten Weltkrieg, Großmutter Emilie darf nicht den Mann heiraten, den sie liebt, weil Felix Emilies Schwester Alma heiraten soll. Die Frauen können sich nicht wie der Lehrer Leopold Kannenmacher und Enkel Konrad auf den Dachboden zu den Büchern des Philosophen Immanuel Kant zurückziehen.
Jan Koneffke erzählt vom Wahnsinn des Ersten und Zweiten Weltkriegs, von den verblendeten Patrioten, die stolz in den Krieg ziehen, verstört und verwundet zurückkehren und von der Sogkraft der Hitler’schen Massenverführung. Im Zentrum des Romans steht der Lehrersohn Felix Kannenmacher, der Pianist werden will, die falsche Frau heiraten soll und in Panik und ohne Abschiedsbrief Freiwalde verlässt. Er wird nur einmal zurückkehren. Allerdings ohne den Mut zu haben, seine Familie wiederzusehen. An der Figur Almas entfaltet Koneffke eine Geschichte vom Unglück der Frauen, die noch keine Bestätigung im Beruf fanden, die nicht wussten, was sie Sinnvolles mit ihrer Energie anfangen sollten. Alma wird als starke und unsympathische Frau geschildert, die sich, nachdem sie den Mann, den sie begehrt, nicht bekommt, auf das Bahngleis binden lassen will. Ihrem Retter, einem armen Bengel, ist sie als einzigem Menschen immer dankbar. Koneffkes Porträt dieser Frau, die erst eine glühende Hitler-Verehrerin ist und nach dem Zusammenbruch nicht wieder davon spricht, verdeutlicht die Tragik solcher in Konventionen eingekerkerten Lebensläufe.
Jan Koneffke entfaltet seine Geschichte als eine Folge der Kriege, Sehnsüchte und Unglücksfälle. „Eine nie vergessene Geschichte“ ist ein beeindruckendes Porträt ostdeutschen, kleinstädtischen Lebens von der Jahrhundertwende bis zum Zweiten Weltkrieg. (V. A.)


In der Erlanger Übersetzerwerkstatt berichtet der sich selbst als „Hobby-Übersetzer“ bezeichnende Koneffke, wie der Aufenthalt in fremder Sprachumgebung das Schreiben in der Muttersprache verändert. Koneffke definiert das Schreiben als Traumarbeit im Freud’schen Sinn: ein Vertiefen und Verdichten von Wirklichkeit in Sprache. Wie verändert die Sprachumgebung den Realismus der Traumarbeit? Was passiert mit dem Sprachmaterial, wenn der Autor in einer anderen als der Muttersprache träumt? „Der Schreibprozess wird mehr und mehr zu einem Über-Setzungs-Prozess aus der Muttersprache – in die Muttersprache.“ Mit überraschendem Ergebnis: Während ein Text im Modus der Übersetzung die muttersprachliche Schwerkraft überwindet, beharren Koneffkes Romane auf dem Eigensinn ihrer muttersprachlichen Struktur. (A. LS.)

Teilnahme in den Jahren: 2008
Bearbeitete Themen: Gedichte
Übersetzte Sprachen: Italienisch, Rumänisch

Auszeichnungen u. a.: Leonce-und-Lena-Preis für Lyrik (1987), Friedrich-Hölderlin-Förderpreis, Alfred-Döblin-Stipendium (1990), Villa Massimo-Stipendium (1995), Bamberger Poetik-Professur (2001), Literaturpreis der Stadt Offenbach (2005).