Dreistes Plagiat einer Klassiker-Neuübersetzung, das hundert Jahre lang nicht entdeckt worden ist

<p>Burkhart Kroeber (2011)</p>

Burkhart Kroeber (2011)

Jubiläen, runde Geburts- oder Todestage berühmter Personen, sind ja oft nicht viel mehr als Pflichttermine für Medienmacher ("heute vor 100 Jahren starb XY oder wurde Z geboren..."), aber manchmal führen sie auch dazu, dass jemand sich ein bisschen genauer mit dem betreffenden Jubiliar beschäftigt und dabei überraschende Entdeckungen macht. So erging es mir mit Giovanni Boccaccio, dessen 700. Geburtstag voriges Jahr auf den Kulturseiten diverser Medien gefeiert wurde. Sein berühmtestes Werk ist die Novellensammlung Il Decamerone, "Das Zehntagewerk": 100 mehr oder minder erotische Geschichten, die sich im Sommer 1348 zehn Tage lang – jeden Tag zehn – eine Gruppe wohlhabender junger Florentiner auf einem herrschaftlichen Landsitz in der Nähe von Florenz erzählt, während in der Stadt eine verheerende Pestepidemie wütet.

Die überraschende Entdeckung, die ich machte, als ich mir angeregt durch das Jubiläum die derzeit auf dem Markt und/oder online verfügbaren deutschen Ausgaben des Decamerone etwas genauer ansah, betraf nicht das Werk selbst, sondern die Geschichte seiner deutschen Übersetzungen. Es gibt davon zwar bei weitem nicht so viele wie von Dantes Divina Commedia, aber immerhin doch eine ganze Reihe, von der frühneuhochdeutschen eines gewissen Arigo[1], Ulm 1476 (Hie hebt sich an das püch von seinem meister In greckisch genant decameron, daz ist cento nouelle in welsch Vnd hundert histori oder neüe fabel in teutsche, Die der hoch gelerte poete Johannes Boccacio ze liebe vnd früntschafft schreibet dem fürsten und principe Galeotto[2]), bis zur vorläufig letzten des Romanisten Peter Brockmeier, die 2012 bei Reclam erschienen ist. In meinem Bücherregal hatte ich das Werk in der Übersetzung von Heinrich Conrad, die 1984 in fünf Bänden bei Diogenes erschienen ist (als unveränderter Nachdruck der fünfbändigen Propyläen-Edition, Berlin 1923, mitsamt den dort eingefügten Vignetten von 1757, wie im Impressum angegeben – laut Katalog der Deutschen Nationalbibliothek ist Heinrich Conrads Übersetzung des Decamerone allerdings schon 1913 bei Georg Müller in München und zugleich bei Hans v. Weber in Leipzig erschienen). Eine gut 85 Jahre ältere Übersetzung des Werks, nämlich die von Karl Witte (1827-30, 2. verb. Aufl. 1843, Leipzig: Brockhaus), steht seit einigen Jahren online in der Sammlung Google Books[3], und als ich die beiden Fassungen nun an ein paar willkürlich herausgegriffenen Stellen miteinander verglich, stellte sich heraus: Die jüngere ist über weite Strecken Wort für Wort mit der älteren identisch! Heinrich Conrad hat die Übersetzung von Karl Witte lediglich da und dort ein bisschen bearbeitet, am Anfang etwas mehr, dann immer weniger, oft auch nur orthographisch modernisiert (Gemüth = Gemüt, thun = tun usw.) und sie dann schamlos als eigene ausgegeben. Hier zwei typische Stellen aus den späteren Novellen, die Sachlage ist offensichtlich (die rot markierten Stellen sind die von Conrad geänderten):

 

Anfang der Achten Novelle des Dritten Tages

Übs. Karl Witte

Ferondo wird, nachdem er ein gewisses Pulver gegessen hat, für todt begraben; der Abt aber, der sich inzwischen mit seiner Frau ergötzt, holt ihn aus dem Grabe, setzt ihn ins Gefängnis und bildet ihm ein, er sei im Fegefeuer. Dann wird er auferweckt und erzieht einen Sohn, den der Abt mit seiner Frau erzeugt hat, als den seinigen.

So lang die Geschichte der Emilie gewesen war, so hatte sie um dessentwillen doch Niemandem mißfallen, vielmehr hielten Alle dafür, Emilie habe in Betracht der Mannichfaltigkeit der vorgetragenen Ereignisse noch sehr kurz erzählt. Nun aber bezeigte die Königin der Lauretta ihr Verlangen durch einen bloßen Wink und veranlaßte sie dadurch, also zu beginnen: Ihr lieben Mädchen, ich besinne mich eben auf eine wahre Geschichte, die ich euch zu erzählen Lust habe, die aber, so wenig sie es ist, doch gar sehr einer Lüge gleich sieht. Sie ist mir wieder eingefallen, weil ich eben hörte, wie Einer für den Andern betrauert und begraben worden ist, während ich Euch erzählen werde, wie ein Lebender für todt begraben ward, und wie er sich nachher selbst, mit vielen Anderen, nicht für fortlebend, sondern für erweckt von den Todten und aus dem Grabe erstanden, gehalten hat, wie aber Derjenige, der um deswillen eher als ein Schuldiger hätte verdammt werden sollen, gleich einem Heiligen angebetet worden ist.

In Toskana nämlich war, und ist noch heutzutage, eine Benedictinerabtei, so wie man deren viele sieht, an einem wenig besuchten Orte gelegen, in der ein Mönch zum Abte geworden war, der in jeder Beziehung, allein den Umgang mit Weibern abgerechnet, ein sehr heiliger Mann genannt werden konnte. Diesen Umgang aber wußte er so insgeheim zu betreiben, daß bei seinem Rufe der Strenge und Heiligkeit beinahe Niemand dergleichen ahnete, geschweige denn erfahren hätte. Nun traf es sich, daß ein besonders reicher Bauer, Namens Ferondo, mit dem Abte näher bekannt ward und bei seiner unmäßigen Einfalt und Albernheit vom Abte, der sich zuweilen an seinen Narrheiten ergötzen mochte, gern gesehen ward.

Inzwischen wurde indes der Abt gewahr, daß Ferondo ein wunderschönes Weib zur Frau habe, und verliebte sich so sehr in diese, daß er bei Tag und bei Nacht an nichts Anderes dachte und fast verzweifeln wollte, als er erfuhr, Ferondo, der in allem Übrigen so thöricht und so dumm war, sei vollkommen vernünftig, sobald es sich darum handele, seine Frau zu lieben und zu bewachen. Dennoch war er geschickt genug, den Ferondo so weit zu bringen, daß er zuweilen mit seiner Frau heraufkam, sich im Klostergarten einige Zeit zu ergötzen. Hier sprach er ihnen dann mit vieler Salbung von der Seligkeit, vom ewigen Leben und von den heiligen Werken vieler verstorbener Männer und Weiber solange vor, bis die Frau Lust bekam, bei ihm zur Beichte zu gehen, und die Erlaubnis dazu von ihrem Manne, als sie ihn darum ansprach, sogleich erhielt.

Zu großer Freude des Abtes kam die Frau nun wirklich ihm zu beichten, setzte sich zu seinen Füßen und begann, noch ehe sie etwas Anderes redete: "Hochwürdiger Herr, hätte mir Gott einen andern oder auch gar keinen Mann gegeben, so würde es mir vielleicht nicht schwer fallen, unter Eurer Anleitung den Weg zu gewinnen, der nach Euren Reden den Menschen zum Paradiese führt. Wenn ich aber bedenke, was Ferondo für ein Mensch und wie übermäßig seine Albernheit ist, so muß ich in dieser Hinsicht mich eine Witwe nennen, während ich doch wieder verheirathet bin, insofern ich bei seinen Lebzeiten keinen anderen Mann nehmen darf. Dabei ist er nun in seiner Einfalt, ohne irgend einen Grund, so übertrieben eifersüchtig auf mich, daß ich um dessentwillen nicht anders, als in Not und Elend, mit ihm leben kann. Deshalb bitte ich denn, bevor ich zur ferneren Beichte schreite, Euch auf das demüthigste, mir in dieser Sache mit einigem Rathe gefällig sein zu wollen; denn erlange ich dadurch nicht erst die Möglichkeit gut zu thun, so wird übrigens das Beichten so wenig helfen als die Buße."

Diese Rede gefiel dem Abte in seiner Seele gar wohl, und ihm däuchte, das Glück habe ihm den Weg, seinen sehnlichsten Wunsch zu erlangen, bereits gebahnt. "Meine Tochter", antwortete er, "wohl glaube ich, daß es einer so schönen und gefühlvollen Frau, wie Ihr es seid, sehr lästig sein mag, einen Verrückten zum Manne zu haben. Noch beschwerlicher aber muß ein Eifersüchtiger fallen; da Ihr nun zugleich den Einen und den Andern habt, so glaube ich Euch gerne, was Ihr von Euren Leiden erzählt.

Übs. Heinrich Conrad

Ferondo wird, nachdem er ein gewisses Pulver genommen hat, für todt begraben; der Abt aber, der sich inzwischen mit seiner Frau ergötzt, holt ihn aus dem Grabe, setzt ihn ins Gefängnis und redet ihm ein, er sei im Fegefeuer. Dann wird er erlöst und erzieht einen Sohn, den der Abt mit seiner Frau erzeugt hat, als den seinigen.

So lang die Geschichte der Emilia gewesen war, so hatte sie um dessentwillen doch niemandem mißfallen, vielmehr hielten alle dafür, Emilia habe in Anbetracht der Mannigfaltigkeit der vorgetragenen Ereignisse noch sehr kurz erzählt. Nun aber bezeigte die Königin der Lauretta ihr Verlangen durch einen bloßen Wink und veranlaßte sie dadurch, also zu beginnen: Ihr lieben Mädchen, ich besinne mich eben auf eine wahre Geschichte, die ich euch zu erzählen Lust habe, die aber, so wenig sie es ist, doch gar sehr einer Lüge gleich sieht. Sie ist mir wieder eingefallen, weil ich eben hörte, wie einer für den andern betrauert und begraben worden ist, während ich Euch erzählen werde, wie ein Lebender für todt begraben wurde und wie er sich nachher selbst mit vielen anderen geglaubt hat, nicht daß er fortlebe, sondern von den Todten auferweckt und aus dem Grabe erstanden sei, wie aber derjenige, der um dessentwillen eher als ein Schuldiger hätte verdammt werden sollen, gleich einem Heiligen angebetet worden ist.

In Toskana nämlich war und ist noch heutzutage eine Benediktinerabtei, so wie man deren viele sieht, an einem wenig besuchten Orte gelegen. Dort war ein Mönch zum Abte geworden, der in jeder Beziehung, allein den Umgang mit Weibern abgerechnet, ein sehr heiliger Mann genannt werden konnte. Diesen Umgang aber wußte er so insgeheim zu betreiben, daß bei seinem Rufe der Strenge und Heiligkeit beinahe niemand dergleichen ahnete, geschweige denn erfahren hätte. Nun traf es sich, daß ein besonders reicher Bauer, namens Ferondo, mit dem Abte näher bekannt wurde und bei seiner unmäßigen Einfalt und Albernheit vom Abte, der sich zuweilen an seinen Narrheiten ergötzen mochte, gern gesehen wurde.

Inzwischen wurde indessen der Abt gewahr, daß Ferondo ein wunderschönes Weib zur Frau hatte, und verliebte sich so sehr in diese, daß er bei Tag und bei Nacht an nichts anderes dachte und fast verzweifeln wollte, als er erfuhr, Ferondo, der in allem übrigen so thöricht und so stumm war, sei vollkommen vernünftig, sobald es sich darum handele, seine Frau zu lieben und zu bewachen. Dennoch war er geschickt genug, den Ferondo soweit zu bringen, daß er zuweilen mit seiner Frau heraufkam, sich im Klostergarten einige Zeit zu ergötzen. Hier sprach er ihnen dann mit vieler Salbung von der Seligkeit, vom ewigen Leben und von den heiligen Werken vieler verstorbener Männer und Weiber solange vor, bis die Frau Lust bekam, bei ihm zur Beichte zu gehen, und die Erlaubnis dazu von ihrem Manne, als sie ihn darum ansprach, sogleich erhielt.

Zur großen Freude des Abtes kam die Frau nun wirklich, ihm zu beichten, setzte sich zu seinen Füßen und begann, noch ehe sie etwas anderes redete: "Hochwürdiger Herr, hätte mir Gott einen anderen oder auch gar keinen Mann gegeben, so würde es mir vielleicht nicht schwer fallen, unter Eurer Anleitung den Weg zu gewinnen, der nach Euren Reden den Menschen zum Paradiese führt. Wenn ich aber bedenke, was Ferondo für ein Mensch und wie übermäßig seine Albernheit ist, so muß ich in dieser Hinsicht mich eine Witwe nennen, während ich doch wieder verheirathet bin, insofern ich bei seinen Lebzeiten keinen anderen Mann nehmen darf. Dabei ist er nun in seiner Einfalt, ohne irgend einen Grund, so übertrieben eifersüchtig auf mich, daß ich um dessentwillen nicht anders als in Not und Elend mit ihm leben kann. Deshalb bitte ich denn, bevor ich zur ferneren Beichte schreite, Euch auf das demüthigste, mir in dieser Sache mit einigem Rathe gefällig sein zu wollen; denn erlange ich dadurch nicht erst die Möglichkeit gut zu thun, so wird wohl das Beichten so wenig helfen wie die Buße."

Diese Rede gefiel dem Abt in seiner Seele gar wohl, und ihm deuchte, das Glück habe ihm bereits den Weg gebahnt, seinen sehnlichsten Wunsch zu erlangen. "Meine Tochter", antwortete er, "wohl glaube ich, daß es einer so schönen und gefühlvollen Frau, wie Ihr es seid, sehr lästig sein mag, einen Verrückten zum Manne zu haben. Noch beschwerlicher aber muß ein Eifersüchtiger fallen; da Ihr nun zugleich den einen und den anderen habt, so glaube ich Euch gerne, was Ihr von Euren Leiden erzählt.

 

Ende der Ersten Novelle des Neunten Tages

Übs. Karl Witte

Als man am andern Morgen aber das Grab des Scannadio öffnete und ihn selbst nicht mehr darin fand, weil Alessandro ihn in die Gruft gewälzt hatte, so füllte sich ganz Pistoja mit verschiedenartigen Gerüchten, und die Thoren meinten, die Teufel hätten ihn davon getragen. Dessenungeachtet fand jeder der beiden Liebhaber Mittel, der Witwe anzuzeigen, was er gethan habe, und was dazwischengekommen sei, und verlangte nun, sich hiermit entschuldigend, wenn ihr Auftrag nicht vollständig ausgeführt worden sei, ihre Gunst und ihre Liebe. Sie aber stellte sich gegen Beide, als könne sie dies nicht glauben, und antwortete ihnen entschieden, daß sie nichts für sie thun wolle, weil sie nicht ausgeführt hätten, was sie begehrt habe, und so schaffte sie sich denn Beide vom Halse.

Übs. Heinrich Conrad

Als man am anderen Morgen aber das Grab des Scannadio öffnete und ihn selbst nicht mehr darin fand, weil Alessandro ihn in die Gruft gewälzt hatte, so füllte sich ganz Pistoja mit verschiedenartigen Gerüchten, und die Thoren meinten, die Teufel hätten ihn davongetragen. Dessenungeachtet fand jeder der beiden Liebhaber Mittel, der Witwe anzuzeigen, was er gethan habe und was dazwischen gekommen sei, und verlangte nun, sich hiermit entschuldigend, wenn ihr Auftrag nicht vollständig ausgeführt worden sei, ihre Gunst und ihre Liebe. Sie aber stellte sich gegen beide, als könne sie dies nicht glauben, und antwortete ihnen entschieden, daß sie nichts für sie thun wolle, weil sie nicht ausgeführt hätten, was sie begehrt habe, und so schaffte sie sich denn beide vom Halse.

 

Hier noch eine zufällig herausgegriffene Passage aus der Pestschilderung am Anfang:

Übs. Karl Witte

Unglaublich scheint, was ich jetzt zu sagen habe, und wäre es nicht von den Augen Vieler, sowie von meinen eigenen wahrgenommen, so würde ich mich nicht getrauen, es zu glauben, hätte ich es auch von glaubwürdigen Leuten gehört. Ich sage nämlich, daß die ansteckende Kraft dieser Seuche mit solcher Gewalt von Einem auf den Andern überging, daß sie nicht allein von Menschen dem Menschen mitgetheilt ward, sondern daß auch, was viel mehr sagen will, jedes Thier, außer dem Menschengeschlechte, das Dinge berührte, die einem an der Pest Leidenden oder daran Gestorbenen gehört hatten, vom Krankheitsstoffe behaftet ward und in Kurzem an diesem Übel starb. Von dieser Erscheinung habe ich außer anderen Malen insbesondere eines Tages mit eigenen Augen, wie ich schon oben erwähnte, das Beispiel gesehen, daß zwei Schweine die Lumpen eines armen Mannes, der an dieser Seuche gestorben war, und die man auf die öffentliche Straße geworfen hatte, dort fanden, und nach der Art dieser Thiere anfangs mit dem Rüssel lange durchwühlten, und dann mit den Zähnen ergriffen und hin und wieder schüttelten, nach kurzer Zeit aber, nach einigem Zucken, als hätten sie Gift genommen, auf die übel zugerichteten Lumpen todt zu Boden fielen.

Übs. Heinrich Conrad

Unglaublich klingt, was ich jetzt zu sagen habe, und wäre es nicht von den Augen Vieler sowie von meinen eigenen wahrgenommen, so würde ich mich nicht getrauen, es zu glauben, hätte ich es auch von glaubwürdigen Leuten gehört: Ich sage nämlich, daß die ansteckende Kraft dieser Seuche ging mit solcher Gewalt von einem auf den anderen über, daß sie nicht allein von Menschen dem Menschen mitgetheilt ward, sondern daß auch, was viel mehr sagen will, jedes Thier, außer dem Menschengeschlechte, das Dinge berührte, die einem an der Pest Leidenden oder daran Gestorbenen gehört hatten, vom Krankheitsstoffe behaftet ward und in kurzem an diesem Übel starb. Von dieser Erscheinung habe ich, außer anderen Malen, insbesondere eines Tages mit eigenen Augen, wie ich schon oben erwähnte, das Beispiel gesehen, daß zwei Schweine die Lumpen eines armen Mannes, der an dieser Seuche gestorben war, und die man auf die öffentliche Straße geworfen hatte, dort fanden und nach der Art dieser Thiere anfangs mit dem Rüssel lange durchwühlten und dann mit den Zähnen ergriffen und hin und her schüttelten, nach kurzer Zeit aber unter Zuckungen, als hätten sie Gift genommen, auf die übel zugerichteten Lumpen todt zu Boden fielen.

 

Aber sogar auf den ersten Seiten, die dem prüfenden Blick besonders stark ausgesetzt sind, werden nur hin und wieder ein(e) Wort(gruppe) oder ein Satz(teil) geändert, ganze lang verschachtelte Sätze aber fast unverändert übernommen: 

Vorrede

Übs. Karl Witte

Mitleiden mit den Betrübten ist ein gar menschliches Gefühl, das, wenn es gleich einem Jeden wohl ansteht, doch vorzüglich von Denjenigen gefordert wird, die schon des Trostes bedurft, und ihn bei Andern gefunden haben. War unter diesen Einer, dem Theilnahme Noth that, dem sie willkommen war, und der sich durch sie erquickt fühlte, so bin ich gewiß ein Solcher. Denn von meiner frühesten Jugend an bis zu dieser Zeit bin ich immer in erhabener und adelicher Liebe über die Maßen und so sehr entbrannt, daß man, wollte ich davon erzählen, es vielleicht meinen niedrigen Umständen unangemessen finden dürfte, obgleich Diejenigen, die der Liebe kundig sind und meine Geschichte kennen, mich deshalb loben und um Vieles höher schätzen. Um dieser Liebe willen habe ich viel gelitten; nicht weil die geliebte Dame gegen mich grausam gewesen wäre, sondern wegen des übermäßigen Feuers, das ein ungeordnetes Verlangen in meinem Gemüthe entzündet, und mich an keinem vernünftigen Ziele befriedigt verweilen, vielmehr häufig größeren Kummer, als nöthig gewesen wäre, mich empfinden ließ. In diesem Trübsal gewährten mir die ergötzlichen Erzählungen eines Freundes und seine angemessenen Tröstungen so viel Erfrischung, daß ich der festen Meinung bin, um ihretwillen allein sei ich am Leben geblieben. Wie es aber Dem gefallen hat, der, während Er Selber unendlich ist, allen Dingen auf der Welt das unabänderliche Gesetz, ein Ende zu haben, ertheilt hat, so verringerte sich auch meine Liebe, die so überschwänglich glühend gewesen war, daß weder die Kraft des eignen Entschlusses oder fremden Rathes, noch die Furcht vor Schande, noch endlich die drohende mit ihr verknüpfte Gefahr sie zu zerstören oder wankend zu machen vermocht hatten, mit der Zeit und allmählig solcher Weise in sich selbst, daß ich gegenwärtig fühle, sie hat nichts als die Freudigkeit in meiner Seele zurück gelassen, welche zu empfinden pflegt, wer sich auf seiner Fahrt nicht allzuweit in ihre finstern Meere wagt. So sehe ich denn, daß sie, die mir eine Marter zu sein pflegte, nun, wo aller Kummer hinweggenommen, mir nur als ein Wohlbehagen geblieben ist.

Übs. Heinrich Conrad

Mitleiden mit den Betrübten zu haben, ist menschlich, und wenn es gleich einem jeden wohl ansteht, wird es doch vorzüglich von denjenigen gefordert, die schon selber des Trostes bedurft und ihn bei anderen gefunden haben. Gab es jemals Menschen, die des Mitleids bedurften, denen es willkommen war und die sich dadurch erquickt fühlten, so gehöre ich gewiß zu diesen. Denn von meiner ersten Jugend an bis zu dieser Zeit war ich immer in höchster und edelster Liebe über die Maßen und so sehr entbrannt, so daß man, wollte ich davon erzählen, es vielleicht meinen niedrigen Umständen unangemessen finden dürfte. Freilich werden diejenigen, die gerecht sind und meine Geschichte kennen, mich deshalb loben und um vieles höher schätzen. Doch habe ich um dieser Liebe willen viel gelitten; nicht durch Grausamkeit der geliebten Frau gegen mich, sondern wegen der unmäßigen Glut, die ein ungeordnetes Verlangen in meinem Gemüt entzündete, die mich an keinem angemessenen Ziele befriedigt verweilen ließ, sondern mir häufig größeren Kummer bereitete, als nötig gewesen wäre. In dieser Trübsal erfrischten mich die ergötzlichen Erzählungen eines Freundes und seine lieblichen Tröstungen so sehr, daß ich der festen Überzeugung bin, ihnen allein habe ich mein Leben zu verdanken. Wie es aber dem gefallen hat, der, selber unendlich, allen Dingen auf der Welt nach unabänderlichem Ratschluß ein Ende gesetzt hat, so verringerte sich auch meine Liebe, die so überschwänglich glühend gewesen war, daß weder ein noch so sträflicher Vorsatz, noch fremder Rat, noch die Furcht vor Schande, noch endlich die drohende mit ihr verknüpfte Gefahr sie zu zerstören oder wankend zu machen vermocht hatten, mit der Zeit und allmählich solcher Weise in sich selbst, so daß ich gegenwärtig fühle, sie hat nichts als die Freudigkeit in meiner Seele zurückgelassen, die einer zu empfinden pflegt, der sich auf seiner Fahrt nicht allzuweit in ihre finsteren Meere wagt. So sehe ich denn, daß sie, die mir eine Marter zu sein pflegte, nun, wo aller Kummer hinweggenommen ist, mir nur als ein Wohlbehagen geblieben ist.

 

Einleitung zum Ersten Tag

Übs. Karl Witte

So oft ich, o holde Damen, in meinen Gedanken betrachte, wie ihr von Natur so mitleidig seid, erkenne ich auch, daß in eurer Meinung gegenwärtiges Werk einen betrübten und bitteren Anfang haben wird, da es die schmerzliche Erwähnung jener verderblichen Pestseuche, die vor Kurzem einen Jeden, der sie sah oder sonst kennen lernte, in Trauer versetzt hat, an seiner Stirne trägt. Doch wünsche ich, daß ihr euch deshalb nicht vom Weiterlesen in dem Glauben abschrecken lasset, ihr werdet immer zwischen Seufzern und Thränen lesend hindurchgehen müssen. Dieser fürchterliche Anfang soll euch nichts anderes sein, wie den Wanderern ein steiler und rauher Berg, in dessen Nähe eine schöne und anmuthige Ebene liegt, die ihnen um so wohlgefälliger scheint, je größer die Anstrengung des Hinauf- und Herabsteigens war. Und wie der Schmerz sich an das Übermaß der Lust anreiht, so wird auch das Elend von der hinzutretenden Freude beschlossen.

Übs. Heinrich Conrad

So oft ich, anmutigste Frauen, bedenke, wie ihr von Natur so mitleidig seid, erkenne ich auch, daß gegenwärtiges Werk in eurer Meinung einen ernsten und ärgerlichen Anfang haben wird, da es an seiner Stirn die schmerzliche Erwähnung jener verderblichen Pestseuche trägt, die jüngst einen jeden, der sie sah oder sonst kennen lernte, in Trauer versetzte. Doch wünsche ich, daß ihr euch deshalb nicht vom Weiterlesen in dem Glauben abschrecken lasset, weil ihr etwa vermeint, ihr werdet immer zwischen Seufzern und Tränen lesend hindurchgehen müssen. Dieser fürchterliche Anfang soll euch nichts anderes sein, als den Wanderern ein steiler und rauher Berg, in dessen Nähe eine schöne und anmuthige Ebene liegt, die ihnen um so wohlgefälliger scheint, je größer die Anstrengung des Hinauf- und Herabsteigens war. Und wie der Schmerz dem Übermaß der Lust folgt, so wird auch das Elend von der hinzutretender Freude beschlossen.

 

Das dürfte genügen, die Stichproben lassen sich mühelos vervielfachen, und der Befund ist immer der gleiche: Heinrich Conrad hat ganz offensichtlich die Übersetzung von Karl Witte eins zu eins übernommen und sie lediglich orthographisch modernisiert sowie an einigen Stellen leicht redigiert, in den vorderen Teilen mehr, in den hinteren immer weniger. Und dann hat er es fertiggebracht, das Ganze erfolgreich als eigene Leistung unter eigenem Namen zu publizieren. Wie war das möglich? Man kann natürlich nur spekulieren, aber einige Fakten zementieren die Spekulation: Nach dem wenigen, was über Heinrich Conrad bekannt ist (s. den Wikipedia-Artikel https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Conrad), muss er ein etwas windiger Bursche gewesen sein: erst großmäuliger Verleger mit ehrgeizigen Plänen, dann 1898 in Konkurs gegangen und irgendwie abgetaucht, dann um 1910 wieder da, und nun mit einer Gesamtübersetzung des Decamerone, die er erfolgreich im Münchner Verlag Georg Müller unterbringt, wo er selbst als Lektor tätig ist (!), sich also faktisch selber "betreut"... Von einer kritischen Prüfung des Projekts im Verlag kann unter solchen Umständen wohl kaum die Rede sein. Was allerdings offenbar ebenfalls völlig gefehlt hat, ist eine wache Literaturkritik in der Presse und eine kritische Aufmerksamkeit für solche Fragen in der akademischen Welt – andernfalls hätte ein so dreistes Plagiat nicht hundert Jahre lang unentdeckt bleiben können. Die angebliche Decamerone-Übersetzung von Heinrich Conrad ist 1913 gleichzeitig auch in Leipzig erschienen, dann zehn Jahre später nochmals bei Propyläen in Berlin, dann schließlich noch einmal 1984 als unveränderter Nachdruck bei Diogenes in Zürich, und niemals in all diesen Jahren hat irgend jemand – weder ein Feuilletonkritiker noch ein Angehöriger der akademischen Italianistik – das Plagiat aufgedeckt. So wenig interessiert sich offenbar nicht nur die publizistische Literaturkritik, sondern auch die universitäre Literaturwissenschaft für Fragen der Übersetzung!

*

Der Fall gibt aber auch Anlass zu einem kritischen Blick auf das Verhalten mancher Neuübersetzer klassischer Werke zu ihren Vorgängern. Heinrich Conrads Dreistigkeit ist sicher einmalig, aber es gibt nicht wenige Klassiker-Neuübersetzungen, die sich mehr oder minder stark an frühere Fassungen anlehnen, ohne dass deren Existenz auch nur erwähnt wird. So verhält es sich beispielsweise, wie ich kürzlich herausfand, mit den deutschen Übersetzungen von Giacomo Leopardis philosophischen Fabeln und Gesprächen Operette morali: Das 1828 erschienene Werk wurde erstmals 1878 von Paul Heyse ins Deutsche übersetzt[4], eine zweite (Auswahl-)Übersetzung, von Ludwig Wolde, erschien 1924 bei Insel[5], eine dritte, nun vollständige, von Alice Vollenweider 1978 bei Artemis & Winkler[6], aber beide Neuübersetzungen, besonders letztere, stützen sich offensichtlich auf Paul Heyses Erstübersetzung, ohne dass diese irgendwo erwähnt wird – auch nicht in Vollenweiders ausführlichem Anhang, in dem sie sogar aus Paul Heyses Vorwort "Leopardis Weltanschauung" zitiert, ohne jedoch die Quelle zu nennen. Praktiken dieser Art sind leider oft zu beobachten: man gibt korrekt alle möglichen Quellen an, nur nicht diejenige, aus der man gerade ausgiebig schöpft… In meinen Augen ist das ein ungutes Verhalten, das nicht unkritisiert bleiben sollte. Wenn man beim Neuübersetzen eines Klassikers die Arbeit eines Vorgängers so gut gelungen findet, dass man seine Lösungen streckenweise übernimmt, sollte man das auch klar sagen und nicht verschweigen, es ist ja nichts Ehrenrühriges, sich vor gelungenen Leistungen früherer Kollegen kollegial zu verneigen[7] – das Gerede vom "zwangsläufigen Veralten" jeder Übersetzung, weshalb spätestens nach ein paar Jahrzehnten "alles neu" gemacht werden müsse, ist ohnehin sehr fragwürdig. Paul Heyses nun über 130 Jahre alte Leopardi-Übersetzung ist tatsächlich so gut gelungen, dass man sie mit mehr oder minder leichten redaktionellen Eingriffen auch heute noch guten Gewissens vorlegen könnte. Falls ich mich zu einer Neuübersetzung der Operette morali entschließe, dann vielleicht mit einer Übersetzerangabe wie: "Neu übersetzt von B. K. auf Basis der Erstübersetzung von Paul Heyse" – auch wenn sich am Ende herausstellen sollte, dass ich mehr als 50 Prozent seiner Fassung neuformuliert habe. Das Projekt befindet sich noch im Versuchsstadium. Vediamo...


[1] Nicht identisch mit Heinrich Steinhöwel, dem diese Erstübersetzung früher fälschlich zugeschrieben wurde, vgl. http://www.mrfh.de/uebersetzer0004.

[2]http://tinyurl.com/meyh6oe

[3]http://tinyurl.com/mepk8av

[4] Paul Heyse, Giacomo Leopardi, Bd. II, Leopardis Weltanschauung ..., Berlin 1878, Verlag Wilhelm Hertz; erneut als Bd. II der fünfbändigen Ausgabe Italienische Dichter seit der Mitte des 18. Jahrhunderts: Giacomo Leopardi, Gedichte und Prosaschriften, deutsch von Paul Heyse, Berlin 1889, Verlag Wilhelm Hertz.

[5] Giacomo Leopardi, Ausgewählte Werke, übertragen von Ludwig Wolde, Insel, Leipzig 1924.

[6] Giacomo Leopardi, Gesänge, Dialoge und andere Lehrstücke, Zibaldone, aus dem Ital. von Hanno Helbling (Gesänge, Zibaldone) und Alice Vollenweider (Dialoge u.a.), Winkler Weltliteratur, Artemis & Winkler, Düsseldorf 1978 u. 1985, Neuauflage in einem Band 1998.

[7] Was hiermit ausdrücklich auch für Karl Wittes übersetzerische Leistung nachgeholt werden soll: Witte war, anders als Conrad, ein höchst seriöser Literaturübersetzer und -vermittler, der sich außer um Boccaccio besonders um Dante verdient gemacht hat (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Heinrich_Friedrich_Karl_Witte). Seine Decamerone-Übersetzung ist auch heute noch durchaus ernst zu nehmen, sie bemüht sich in vorbildlicher Weise um adäquate Wiedergabe nicht nur des Inhalts, sondern auch der (syntaktischen) Form des Werkes. Mit Recht wird sie daher auch heute noch (meist in einer 1964 vorgenommenen Bearbeitung von Helmut Bode) immer wieder nachgedruckt, so bei Artemis, Fischer, Albatros u. a. m.