<p>Ulrike Draesner (2008)</p>

Ulrike Draesner (2008)

Ulrike Draesner

Ob Spermiendiebinnen oder illegale Pitbullzüchter, ob Leistungssportler oder Mordlustige, Ulrike Draesner kennt sich aus mit den Abgründen der Gegenwart. Nachdem die 1962 in München geborene Schriftstellerin in ihrem Kurzgeschichtenband „Hot Dogs“ (2004) die Lebensbedingungen im Zeitalter der Reproduktionsmedizin und Biozuchtfarmen auslotete, brachte sie in ihrem letzten Lyrikband „kugelblitz“ (2005) ihren lustvollen Sprachwitz in Anschlag. Mit ihrem jüngsten Werk „Spiele“ kehrt sie zum Genre des Romans zurück. Es geht um die siebziger Jahre, die Zeit der Olympischen Spiele in München 1972. Der 12jährigen Katja gefällt die Aufregung: sie probiert mit ihrem Großvater die neue U-Bahn aus, die Stadt ist voller Besucher aus aller Welt und im Fernsehen laufen von morgens bis abends Sportübertragungen. Doch ebenso plötzlich wie die internationale Fröhlichkeit der Sportwettkämpfe durch das Geiseldrama verfliegt, bekommt auch ihr eigenes kleines Leben tiefe Risse. Der Vater zieht mit einer fremden Frau durch die Gegend, Katja begeht einen Verrat, in dessen Folge ihr Freund Max, ein junger Polizist, bei der Beendigung der Geiselnahme verwundet wird. Erst dreißig Jahre später gelingt es Katja, inzwischen ist sie eine erfolgreiche Fotojournalistin, die Fäden der Vergangenheit wieder aufzunehmen. Sie entschuldigt sich bei Max und geht Schritt für Schritt den Gedächtnisspuren nach. In einer bildhaften Sprache, der man die Lyrikerin anmerkt, treibt Draesner ihre Heldin durch Erkenntnisschauer: abwechselnd geraten die Geschehnisse von 1972, ihr Berufsalltag als Fotografin, Liebesverwicklungen und Reisen in exotische Gefilde in den Blick. Nach und nach schält sich heraus, wie politische Ereignisse das Private bestimmen: „die große und die kleine Geschichte kümmern sich nicht umeinander, sie durchdringen sich bloß“, hatte es in der Familie immer geheißen. (M.A.)


Ulrike Draesner ist auch bei der Übersetzerwerkstatt zu Gast. 2000 hat sie mit ihren Shakespeare-Radikalübersetzungen Aufsehen erregt. „Shakespeares Sonette, die von Verschmelzungswünschen, erträumten Vereinigungen und rauschhaften Hochzeiten sprechen, entzifferte Draesner als einen Diskurs des Begehrens, in dem die Geschlechtsrollen zwischen Mann und Frau offen bleiben und die sexuelle Determination der Liebesakteure aufgehoben ist. In einer sehr freien ‚Radikalübersetzung‘ transformierte Draesner [...] die Phantasien der liebesberauschten Shakespeare-Figuren in einen Dialog von Klonen, wobei sie mit den Codes und Jargons der Reproduktionstechnologie ziemlich verschwenderisch umging” (Michael Braun). Zur Zeit arbeitet sie an einer Übersetzung von Hilda Doolittles „Hermetic Definition“, die im Herbst 2006 bei Urs Engeler erscheinen soll. Proben daraus wird sie in der Erlanger Übersetzerwerkstatt vorstellen. (A.LS.)

Teilnahme in den Jahren: 2005, 2008
Übersetzte Sprachen: Englisch
Übersetzte Autoren: Charles Simmons, Hilda Doolittle, Louise Glück, William Shakespeare

Auszeichnungen u. a.:

Literatur-Stipendium der Stadt München (1994), Förderpreis zum Leonce-und-Lena-Preis (1995), Wolfgang-Weyrauch-Förderpreis (1995), Solitude-Förderpreis (1996), Bayerischer Staatsförderpreis für Literatur (1997), foglio-Preis für junge Literatur (1997), Poetik-Dozentur Birmingham (1998), Autorenförderung der Stiftung Niedersachsen (1999), Förderpreis des Friedrich-Hölderlin-Preises (2001), Preis der Literaturhäuser (2002), Gastprofessur am Literaturinstitut der Universität Leipzig (2004), Arbeitsstipendium für Berliner Autoren (2005). Mitglied des P.E.N.-Zentrums Deutschland.